Schultheater Gymnasium Wilnsdorf - Archiv

Das kleine Einmaleins


Theaterbühne"Das kleine Einmaleins des Theaters" oder "Werde wie du bist!"

Wie lernt man das: Schauspieler zu sein?
Viele können zu Hause singen, musizieren, reden, tanzen oder artistische Kunststücke vormachen. Aber das Halten von Reden lernt man nur, indem man wirkliche Reden vor Zuschauern hält, und das Theaterspielen nur, indem man Theater vor Publikum spielt. Alles, was ohne Publikum stattfindet, ist höchstens "probieren", aber nicht spielen, denn Theater geschieht nun mal nur unter Mitwirkung des Publikums.

Doch ohne Proben läuft leider auch nichts, und schon das Probieren ist wesentlich schwieriger, als man es sich vorstellt, weil hier etwas sehr Wesentliches des Theaters eingeübt wird: die abrufbare Wiederholbarkeit.
Stellen Sie sich vor, Sie liegen auf dem Sofa in Ihrem Wohnzimmer und lesen. Plötzlich stehen Sie auf, gehen ans geöffnete Fenster, schließen es und begeben sich wieder in die Ausgangsstellung zurück. Das kann jeder. Das ist keine Kunst.
Wie bitte? Haben Sie's schon einmal versucht? Tun Sie's bitte, denn Sie erfahren dadurch mehr über das Theater, als Ihre Parkettweisheit sich erträumen kann. Versuchen Sie's, und erst dann lesen Sie weiter!

So! Liegen Sie wieder genauso wie vor dem Aufstehen? Sind Sie ganz sicher? Nun, dann wiederholen Sie den Gang zum Fenster. Sie wissen nicht mehr, wohin Sie geblickt haben? Legen Sie's jetzt genau fest, - nein, stellen Sie sich vor, dass ein Regisseur es Ihnen vorschreibt. Und nun gehen Sie!
Und jetzt stellen Sie sich vor, dass dieser kleine unwichtige Akt aufstehen, gehen, schauen, Fenster schließen, zurück in die Ausgangsposition nur ein sehr kleiner Teil dessen ist, was ein Schauspieler in seiner Rolle absolvieren muss, und dass all dies auf Grund von gewissen Überlegungen genau festliegt und mit den Dialogen und Aktionen der Bühnenpartner koordiniert werden muss sowie auch ein ganz bestimmtes Tempo zu haben hat, und dass im Ernstfall ja auch nicht Sie zu gehen hätten, sondern die Person, die Sie nach einer intensiven Einfühlung darstellen, und dass Hamlet anders geht als Schuster Voigt oder Emilia Galotti anders als Miss Marple.

Und nun denken Sie daran, dass Sie auf einer Bühne stehen! Sie müssen weiter nichts tun als aufstehen und zum Fenster gehen. So etwas haben Sie schon häufig in Ihrem Leben gemacht, aber auf der Bühne vor den Augen des Publikums ist auf einmal alles ganz anders. Sie können nicht mehr vernünftig gehen; Sie merken plötzlich, dass Sie Beine haben, und in den Beinen  ein Bewusstsein erwacht, nein, zwei: in jedem eines. Und das ist noch gar nichts gegen die Arme und Hände!

Lothar Naumann Beobachten Sie irgendjemand, der vorwärts geht und dabei ganz ungezwungen unbewusst leger mit den Armen schlenkert. Jetzt gehen Sie Ihre Schritte und stellen sich vor, dass Sie auf der Bühne sind. Sie werden entweder die Arme krampfhaft still halten und dadurch völlig unnatürlich wirken, oder Sie werden eine Figur darstellen, die aus irgendwelchen Gründen besonders kräftig die Arme schlenkert.

Um Theater zu spielen, muss man also zunächst sein können, wie man ist. Gehen, stehen, aufstehen, sich hinsetzen, Türen öffnen und schließen. All das, was jeder immer tut, wird zum Problem, wird bewusst und muss auf der nächst höheren Ebene wieder selbstverständlich werden.

Sehen Sie: Das ist das kleine Einmaleins des Theaters!

 

Lothar Naumann
frei nach Hans Weigel
 


  
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"Naja, nicht sonderlich spektakulär so eine Bühne, aber was auf Ihr zu sehen ist, ist doch meist sehr lohnens-wert.( Ein Zuschauer )

 

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